Wird sich Tischtennis in den nächsten Jahren kolossal ändern (müssen)?

T-Shirt für die harte Spielweise. 😀

Hat Tischtennis ein Nachwuchsproblem? Ich meine: Ja! In meiner Beobachtung werden die Spieler in den Vereinen immer weniger. Es kommen zu wenige Jugendliche nach um das Ausscheiden älterer Spieler zu kompensieren. Immer wieder stellt ein Verein eine Mannschaft weniger als in der Saison zuvor oder er schließt sich gar mit einem benachbarten, ebenso rückläufigen Verein zusammen. Gründe für die schwindenden Mitgliederzahlen gibt es einige.

Große Auswahl für Jugendliche

Die Vereine – nicht nur die Tischtennis Clubs und Abteilungen – leiden unter dem zunehmenden Angebot, aus dem die Jugendlichen auswählen können. Gab es vor 30 Jahren den ortsansässigen Verein als einzige Anlaufstelle zur Freizeitgestaltung, sind inzwischen mit Spielkonsolen, Fitnessstudios, sozialen Netzwerken zur Kommunikation und Spielen über das Internet starke Konkurrenten auf den Plan getreten. Der klassische Verein wirkt daneben veraltet und vergleichsweise aufwändig, da durch die Mitgliedschaft meistens auch Verpflichtungen eingegangen werden. Ehrenämter genießen kaum mehr Anerkennung und werden daher auch nicht gerade angestrebt. Wenn ich körperlich fit werden möchte, gehe ich ins Fitnessstudio. Ich zahle den Beitrag und kann kommen und gehen wie es mir gefällt ohne mich nach jemand anderem zu richten. Ganz einfach.
Außerdem kommt bei den heutigen Jugendlichen die Entwicklung zur verbreiteten Ganztagsschule hinzu. Die Kinder haben heute viel weniger freie Zeit, als dies früher der Fall war.

Diese Faktoren betreffen alle Sportarten gleichermaßen und macht die Nachwuchsgewinnung in den Vereinen schwieriger. Dass Tischtennis es meiner Meinung nach besonders schwer hat, ist noch an anderen Umständen festzumachen.

Tischtennis ist unattraktiv

In den Augen eines nicht Tischtennis spielenden Menschen ist unser Sport schlicht und ergreifend unattraktiv und langweilig anzuschauen. Das gilt für die Weltspitze genauso wie für die Kreisklasse. Der Laie erkennt nicht die Schwierigkeit des Sports und nimmt daher kurze, oft unspektakuläre Ballwechsel und einfache Fehler wahr. Obwohl bestimmt die große Mehrheit der Laien in der Schule, im Freibad oder im Stadtpark schon gespielt hat, ist das Spiel mit seinen Anforderungen vom Freizeitspaß zum Sport nicht übertragbar.
Hinzu kommt, dass die Spieler auf Top-Niveau fast ausnahmslos beim Spiel sehr beherrscht sind und daher emotionslos rüberkommen. Begeisterung, die sich von Spielern auf Zuschauer überträgt? Fehlanzeige! Dass dies kein Interesse weckt und im TV noch weniger rüberkommt und somit wenig Sendezeit erhält, ist – neutral beobachtet – nachvollziehbar.

Regeländerungen

Dass sich das Spiel ändern muss, um attraktiver zu werden und dadurch neue Zuschauer und auch Spieler zu gewinnen, hat man schon lange erkannt. Man hat bereits nach der Jahrtausendwende drei Regeländerungen eingeführt, die das Spiel für den Zuschauer interessanter und einfacher zu verfolgen machen sollten. Ich meine damit die auf 11 Punkte verkürzten Sätze, der vergrößerte Ball und das Verbot verdeckter Aufschläge. Alles Dinge, die dem bereits aktiven Spieler an der Basis relativ unnötig vorkamen und von oben beschlossen wurden. Hat das was für die Zuschauer gebracht? Auf jeden Fall nicht genug.

Grundlegendere Änderungen notwendig?

Was aber wenn man den Versuch der Spielvereinfachung viel konsequenter durchzieht? Man gibt jedem Spieler den gleichen Schläger, der statt eines Gummibelags nur feines Sandpapier aufgeklebt hat, wodurch Unterschnitt und Topspin fast gänzlich unmöglich werden. Ohne das Katapult der Gummibeläge wird das Spiel langsamer, direkter und weniger Variantenreich. Man nähert sich der Spielweise eines jeden Laien an, der in der Garage oder im Park spielt. Er kann beim Zuschauen die Schläge besser nachvollziehen und wertschätzen. Außerdem gibt es vermehrt längere Ballwechsel und weniger für ihn nicht erklärbare Fehler.

Das klingt ja total verrückt. Wer denkt sich so was bloß aus? Der Engländer Barry Hearn. Er ist der Mann, der in Großbritannien Snooker, Darts und Angeln im Fernsehen beliebt gemacht hat. Seit ein paar Jahren laufen Snooker und Darts ja auch im deutschen Fernsehen dauerhaft auf den Sportsendern. Die Live Events der Professional Darts Corporation in Deutschland sind ausverkauft und die Spieler auch hierzulande bekannte Stars. Seit 2013 promotet Barry Hearn auch Tischtennis in der oben beschriebenen Form. Seine World Championship of Ping Pong wird in Großbritannien vom Sender Sky Sports UK übertragen. Die Zuschauer sitzen dicht am Geschehen, der Sport wird zum Event mit Lichteffekten und mehr Atmosphäre ausgebaut, die Spieler geben sich euphorischer und ein paar weitere Regeländerungen bringen Spannung. Gespielt wird immer bis 15 – keine Verlängerung. Neben dem normalen orangenen Ball kann ein aufschlagender Spieler einmal pro Satz einen weißen Ball wählen. Macht er damit den Punkt zählt dieser doppelt. Gewinnt er den Ballwechsel nicht, erhält der Gegner normal einen Punkt dazu. Das Event findet im Alexandra Palace statt, den die Dartfans sicherlich schon als Ally Pally kennen. Ein ordentliches Preisgeld sorgt außerdem gleich zum Start des Events für Interesse bei Spielern und Zuschauern.

Tischtennis als Event für Zuschauer

Kann es so einfach sein Tischtennis für Zuschauer attraktiver zu machen? Die bisherigen Erfolge von Barry Hearn als Promoter geben ihm Recht. Das Interesse an dieser Form von Tischtennis scheint zu wachsen und er glaubt daran die Spieler zu Stars machen zu können. In Deutschland ist Jürgen Leu so etwas wie der Vorreiter. Als Begriff für diese Form von Tischtennis hat er aufgrund des harten Klangs beim Schlag Clickball gewählt. Über seine Seite clickball.de können auch die speziellen Sandpapier Schläger bezogen werden. Er organisierte auch die ersten Turniere in Deutschland. Heute finden übrigens in Erfurt die deutschen Meisterschaften statt.
Hier mal das Video des Finales der World Championship of Ping Pong 2015 mit deutscher Beteiligung.

Ist das die Problemlösung?

Ist die Tischtennisvariante Clickball die Lösung für das Nachwuchsproblem? Ist es nicht eine andere Sportart? Zu unterschiedlich sind doch die Voraussetzungen und Spielweisen, als das man beides als eins sehen könnte. Wird es sich überhaupt derartig durchsetzen, dass es ähnlich wie Snooker regelmäßig im TV zu sehen ist und sich daraus Popularität und Spieler für die Vereine gewinnen lassen?
Diese Prognose traue ich mir nicht zu. Da momentan nur wenige Tischtennisspieler von dieser Spielform gehört haben und sich darüber Gedanken gemacht haben, kann das durchaus noch lange dauern. Ein sehr großer medialer Erfolg in Großbritannien könnte jedoch dazu führen, dass sich dies ändert. Vielleicht hilft es dann auch den Tischtennis Vereinen. Im schlechtesten Fall führt es zu einer Spaltung innerhalb der Sportart Tischtennis. Ein weiterer Verband neben dem ITTF mit einem eigenen Weltmeister etc. wie beispielsweise im Boxen wäre denkbar.

Ich für meinen Teil finde diese Entwicklung mit der „laienkompatiblen“ Tischtennisvariante sehr interessant. Allerdings kann ich mir nur schwer vorstellen das aufzugeben, was mir so viel Spaß beim Tischtennis macht: die Herausforderung des Spinspiels.

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